Abschiedspredigt

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AbschiedspredigtAbschiedspredigt am 13.10.2018 Stiftskirche Bonn
(das Video sehen und hören Sie hier)

Liebe Schwestern und Brüder,
vielleicht haben Sie heute abend an dieser Stelle einen Festprediger erwartet; aber ich möchte selbst zu Ihnen sprechen – so wie ich es 20 Jahre lang getan habe. Ich möchte Ihnen drei Schriftworte mitgeben, die viel von dem einfangen, was mir nicht nur in den letzten 20 Jahren wichtig war.

1.      Ihr seid Gottes Volk!

Es stammt aus dem 1.Petrus-Brief und die beiden Verse, aus denen es genommen ist, lauten vollständig: Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Einst wart ihr kein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk; einst gab es für euch kein Erbarmen, jetzt aber habt ihr Erbarmen gefunden. (1 Petr 2,9-10)

Sie wissen, dass ich ein „Kind des II.Vatikanums“ bin oder anders gesagt: ohne das II.Vatikanische Konzil wäre ich nicht Priester geworden. Die große Errungenschaft dieses Konzils ist die Rückkehr zu einem Bild von Kirche, das im Mittelalter und erst Recht als Reaktion auf die Reformation verlorengegangen war: die Kirche das Volk Gottes.


Volk Gottes, damit sind alle gemeint, Laien und Kleriker, alle gehören dazu. Alle haben eine gemeinsame priesterliche Würde. Als Getaufte und Gefirmte haben sie eine gemeinsame Verantwortung.

Dieses Volk ist unterwegs in der Geschichte, es bleibt nicht stehen. Deshalb ist Kirche nie fertig. Sie ist pilgernd unterwegs – wie das Konzil sagt. Sie ist immer reformbedürftig.

Ein ganz kleines, vielleicht banales Beispiel zeigt den Paradigmen-Wechsel. Hieß es im alten Messbuch noch „die Messe beginnt, wenn der Priester an den Altar tritt“, so lesen wir im nachkonzialiaren Messbuch: „Ist die Gemeinde versammelt beginnt man mit dem Gesang zur Eröffnung[1].

Auf Sie, auf die Gemeinde kommt es an. Deshalb rufe ich Ihnen dieses Wort aus dem 1.Petrus-Brief ins Gedächtnis „Ihr seid das Volk Gottes!“

Abschied von SchwueppeMir war es immer wichtig, dass das Volk Gottes im konkreten Leben der Kirche in Bonn zu Wort kam: ich erinnere an die Zukunftswerkstatt „Auf!Trag Kirche“, an die Hearings zur Citypastoral und an den Geistlichen Prozess vor den Überlegungen zur Generalsanierung des Münsters.

Wenn man das Leben der Kirche in diesen Wochen und Monaten betrachtet, dann erinnert vieles eher an einen „byzantinischen Hofstaat“ wie es der Provinzial der Jesuiten, Pater Siebner dieser Tage beschrieb.[2] Der Kommentar der FAZ war noch drastischer: „Wenn das so weitergeht, dann schließt sehr bald in einer deutschen katholischen Kirche jemand als Letzter die Tür zu. Nicht so sehr deswegen, weil das Heidentum immer mehr um sich griffe, sondern weil die Kirche dabei ist, den katholischen Karren mit Karacho an die Friedhofswand zu fahren.“[3]

Ich will aber nicht den „Sport der Klage“ (Papst Franziskus) treiben und lamentieren; sondern Ihnen Mut machen: „Ihr seid Gottes Volk!“ Nicht nur die Bischöfe und Prälaten, sondern Sie mit ihnen. Oder anders gesagt: die Bischöfe und Prälaten mit Ihnen. Fordern Sie das ein! Die Petition, die 1500 Menschen nach meinem Amtsverzicht unterschrieben haben, war ein Zeichen dafür, dass Sie nicht schweigend alles hinnehmen. Ich danke für Ihre Solidarität.

2.      Ihr seid ein Brief Christi

Dieses Wort aus dem 2.Korintherbrief begleitet mich, seitdem ich in den siebziger und achtziger Jahren in der Pfarrbrief-Arbeit unterwegs war. Das geschriebene Wort ist wichtig, aber hier ist die Rede von einem Brief, der nicht mit Tinte geschrieben ist, sondern – wie Paulus sagt - mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern - wie auf Tafeln - in Herzen von Fleisch. ( 2 Kor 3,3).

Ihr seid der Brief Christi – dieser Brief ist keine Hauswurfsendung, kein offener Brief, sondern dieser Brief ist adressiert: an den Partner und die Partner/in, an den Sohn, die Tochter, an den Freund, die Freundin, den Kollegen, die Kollegin, an die Menschen, die uns begegnen. Ob und wie die Geschichte Jesu den Menschen erreicht, hängt von jedem und jeder von uns ab. Jeder und jede ist ein Brief Christi.

Manchmal ist der Brief nicht lesbar und nicht selten will der Adressat ihn nicht lesen. Aber der Brief bleibt; vielleicht muss man ihn neu schreiben, neu formulieren – mit einer neuen Sprache, die der Adressat versteht.

In der Arbeit in der Bonner City hatten wir verschiedene Adressaten im Blick: die Kirchengänger, die Menschen, die sich in der City aufhielten, dort arbeiteten, ihre Freizeit verbrachten, die Touristen und die Zufallsbekanntschaften, die den Weg ins Münster suchten. Für sie wollten wir auf unterschiedlichen Wegen ein Brief Christi sein.

Die Citypastoral hat sich auf den Weg zu diesen Menschen gemacht. Wir wollten Kirche, wir wollten Christus in der City präsent machen; ob das im Gespräch mit dem Handel war oder mit den Gewerkschaften, ob das der Martinszug war, der nicht nur Brauchtum sein sollte, ob das die Fastentuch ost 1
Fastentücher waren, der Garten im Münster oder die Stadtkrippe, die Präsenz auf dem Weihnachtsmarkt, oder die Fronleichnamsprozession im Schweigen als uns angesichts des Missbrauchskandals die Worte fehlten – einige Beispiele für die unterschiedlichen Adressaten und unsere Versuche, mit ihnen in Kontakt zu treten – nicht mit Briefen aus Papier und Tinte, sondern als lebendige und überzeugte Christen.

Und ein letztes Wort:

3.      Damit sie eins sind, wie wir eins sind

Es ist entnommen dem Johannes-Evangelium: Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins sind, wie wir eins sind. (Joh 17,21-22)

Abschied von WuesterZu meinen schönen Erinnerungen zählt die gemeinsame Arbeit, ja die gewachsene Freundschaft mit dem evangelischen Superintendenten. In den Gemeinden wird sehr viel praktische Ökumene gelebt. Wir beide waren der Überzeugung, dass auf unserer Ebene, der Ebene der Stadt, nur das gemeinsame Zeugnis der Christen Zukunft hat.

Deshalb haben wir uns gemeinsam eingebracht in die Stadtgesellschaft – öffentlich sichtbar wie bei den Runden Tischen zum Bonner Loch und zur Vision Bonn 2025 – und bei vielen Gelegenheiten, die keine Schlagzeilen machten, wo aber unser gemeinsames Zeugnis überzeugte.

Gemeinsam haben wir das Gespräch mit der Oberbürgermeisterin und den Oberbürgermeistern gesucht; gemeinsam haben wir den Rat der Religionen angeregt und gemeinsam haben wir auch die Karnevalswagen gesegnet.

Unzählige Gottesdienste haben wir zusammen gefeiert und die Menschen in dieser Stadt haben wohl wahrgenommen, dass wir gemeinsam unterwegs sind. Wir haben uns ausgetauscht über die theologischen Probleme der Ökumene, wohl wissend, dass wir sie nicht lösen können. Das, was möglich ist, haben wir getan.

Aber an dieser Stelle will ich gerne auch die Ökumene mit den orthodoxen Gemeinden erwähnen. Auch hier habe ich viel Mitbrüderlichkeit und gemeinsames Unterwegs sein erfahren. Sei es bei den gemeinsamen Feiern der Stadtpatrone, sei es bei der Flusssegnung am Fest der Taufe des Herrn.

Die Ökumene vor Ort in den Gemeinden wird weitergehen, muss weitergehen. Die Wege aufeinander zu und miteinander müssen weiter beschritten werden.

Aber auch in der Stadtgesellschaft muss weiterhin sichtbar bleiben, was Papst Franziskus so beschreibt: „Ökumenische Aufgabe ist es, die legitime Verschiedenheit zu respektieren und zur Überwindung der Differenzen hinzuführen, die mit der von Gott gewollten Einheit nicht zu vereinbaren sind. Das Fortbestehen dieser Differenzen darf uns nicht lähmen, sondern muss uns antreiben, gemeinsam einen Weg zu suchen, um diese Hindernisse zu bewältigen.“[4]

Drei Worte, die mir in dieser Stunde wichtig waren:

Ihr seid Gottes Volk!
Ihr seid ein Brief Christi!
Damit sie eins sind, wie wir eins sind.


Ich lasse Sie damit nicht allein. Ich werde auch weiter mit ihnen versuchen, diese Worte mit Leben zu füllen. Ich bleibe ja in der Stadt – eben nur anders als bisher. Amen

Standing ovations

Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet: "Standing ovations" nach der Predigt. Es ist zwar nicht üblich in der Liturgie - aber es war wie eine Akklamation des Volkes Gottes.

Den Text der Predigt finden Sie hier downloaden.

Alle weiteren Reden finden Sie hier
Fotos gibt es auf der Facebook-Seite

[1] Allgemeine Einführung zum Messbuch Nr. 25
[2] Johannes Siebner – katholische.de am 9.10. https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/johannes-siebner-zu-ansgar-wucherpfennig-rektor-sankt-georgen
[3] Werner D’Inka FAZ Rhein-Main vom 8.10.2018 - http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/kommentar-zu-wucherpfennig-die-spinnen-die-roemer-15828083.html
[4] Ansprache Papst Franziskus 10. November 2016 - http://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2016/november/documents/papa-francesco_20161110_plenaria-unita-cristiani.html



Den Text der Predigt finden Sie hier

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